IKONE DER PODIEN

Cedric Leroy

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Santini

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Ist das Trikot des Weltmeisters nicht de facto ein Symbol für den ganzen Radsport? Diese Frage stellt sich ein französischer Journalist und untersucht die Geschichte des „Regenbogentrikots“ genauer: eine Geschichte voller Geschichten. Vom offiziellen Sponsor Santini bis zur Weiterentwicklung für die einzelnen Disziplinen und dem angeblichen Fluch: ein Blick auf diese mit religiöser Devotion bewunderte Reliquie.

Die fünf Farben auf dem Trikot, also die Farben des Union Cycliste International (UCI), sind an die olympischen Ringe angelehnt, die ihrerseits für die fünf Kontinente stehen. Die Sequenz muss genau eingehalten werden, von oben nach unten: blau, rot, schwarz, gelb, grün. Die Sieger des UCI-Weltmeistertitels haben das Recht, es bis zur nächsten Weltmeisterschaft zu tragen, aber nur bei Rennen in der Disziplin, in der sie es errungen haben. Wenn du es also im Straßenrennen gewonnen hast, kannst du es nicht beim Einzelzeitfahren tragen (sofern du nicht im selben Jahr auch in dieser Disziplin gewonnen hast). In der Folgesaison darf der Titelgewinner sich mit dem UCI-Regenbogen auf dem Ärmel seines Teamtrikot schmücken, als bleibende Erinnerung und um dem ganzen Team ins Gedächtnis zu rufen, dass er (oder sie) Weltmeister gewesen ist.

Photo credits: Jacob Kenninson

Das erste Mal

Das Trikot war 1927 zum ersten Mal zu sehen und wurde von zahlreichen Herstellern produziert. Man unterscheidet zwischen der Protokoll-Version (die offiziell auf dem Podium am Ende des Rennens getragen wird) und der für die folgenden Wettkämpfe. Seit 1988 ist es aber die Firma Santini, die diesen Kultartikel prägt. Die Medienaufmerksamkeit und die Einführung verschiedener Wettkämpfe in allen Disziplinen durch den UCI haben das Firmenlogo aller Welt vor Augen geführt.

Wie im Disneyland

Persönlich hatte ich das Glück, das Universum von Santini und die Abteilungen, in denen jedes Stück konzipiert, entwickelt und kreiert wird, von A bis Z zu entdecken: Alle Produktionsschritte finden am Firmensitz im norditalienischen Bergamo statt. Beim Rundgang durch die Flure und die Open-Space-Büros taucht man ein in die Vergangenheit mit über einem halben Jahrhundert Radsport: An den Wänden hängen Dutzende Trikots von den wichtigsten Teams, und ein ganzer Abschnitt ist den Weltmeistertrikots gewidmet, firmiert von ihren jeweiligen Gewinnern. Wie in einem Kunstmuseum kann man nämlich zwei Wände bewundern, auf denen der Titel Rainbow Factory – Wall of fame prangt: auf der einen Seite die Trikots mit Autogrammen im Showroom der Kollektion Santini und auf der anderen Seite die Geschichte mit den Krönungen der Weltmeister seit 1988. Diese Ausstellung ist für uns Fans vielleicht der berührendste Moment des Firmenbesuchs. Denn diese Trikots sind längst nicht nur schlichte, von Radfahrern firmierte Erinnerungsstücke: Sie evozieren Atmosphären, Bilder, Emotionen und auch Bewunderung für einen einzigartigen Moment im Leben eines Champions.

Testimonials weltweit

Gerade die Athleten, die es tragen durften, rühmen die Kraft dieses Trikots. Sie sind sich bewusst, dass es sie auszeichnet und ein Erbe im Radsport repräsentiert, das während der Saison und in jedem Rennen geehrt werden muss. In seinem Buch „Chasing the Rainbow“ von Giles Belbin erzählt Óscar Freire, dreifacher Weltmeister im Straßenradsport, der mit 23 Jahren das erste Regenbogentrikot bei der WM 1999 in Verona gewann: «Wenn du das Regenbogentrikot trägst, bist du der einzige in der Gruppe. Und du sagst dir, dass du jetzt, in diesem Moment, in diesem Rennen, ein anderer Sportler bist, weil du dieses Trikot trägst.» Und er ist nicht der einzige. Bernard Hinault, Sieger in Sallanches, in Frankreich, sagt: «Ich muss mehr tun, weil ich dieses Trikot habe. Wir müssen es ehren und nicht nur denken, wir sind die Stärksten.» Julian Alaphilippe wiederholt seit Beginn der Saison stets, dass das Trikot Respekt verlange und dass er immer versuche, ihm seinen Platz zu verschaffen. Aber dieses so besondere weiße Trikot ist auch ein Element, das dich „zur enormen Zielscheibe macht“, wie man im Radlerjargon sagt. Denn sein Träger wird im Rennen immer bemerkt, ob er im Feld fährt oder ob er stürzt und sich verletzt.

Der Druck ist spürbar

Und deshalb scheint das Trikot auch eine Art Fluch mit sich zu bringen: Den Weltmeistertitel zu gewinnen soll demnach bedeuten, dass die anschließende Saison flach, ohne Siege oder sogar mit wiederholten Unfällen verläuft. «Mit dem Regenbogentrikot auf dem Podium die Arme zu schwenken – das war etwas, das ich so früh wie möglich schaffen wollte», erklärt Alaphillipe, «um den Druck zu lockern, der daraus entsteht, dass man absolut mit diesem Trikot gewinnen muss». Im Laufe der Jahre stellten einige Journalisten fest, wie häufig es Weltmeistern nicht gelang, mit dem Siegertrikot Erfolge einzufahren, so dass einige die gewagte These aufstellten, ob das Trikot nicht geradezu ‚verflucht‘ sei. 2015 veröffentlichte das British Medical Journal sogar eine Studie zu diesem Thema. Die Theorie wurde natürlich widerlegt. «Das Trikot ist nicht verflucht», sagte Philippe Gilbert gegenüber der Sportzeitung L'Equipe im September 2013, «das Problem ist, dass es in einer Gruppe nicht unbemerkt bleibt und alle es anschauen». Der ‚Fluch‘ erklärt sich also mit dem Gewicht der Erwartungen, die auf dem amtierenden Weltmeister lasten. Wenn also der Fluch nicht existiert, kann das Regenbogentrikot dagegen Glück bringen? Es gibt Beispiele von Weltmeistern, die in der anschließenden Saison sehr große Erfolge einfahren konnten. Eddy Merckx, Bernard Hinault, Greg LeMond gewannen die Tour de France im Weltmeistertrikot.

Schließlich ist das Trikot vor allem die Erinnerung an ein wichtiges Rennen für eine ganze Saison. «Wenn du dieses Trikot trägst, erinnert es dich daran, dass du an jenem Tag die Stärkste warst», erklärt Anna van der Breggen, und Lizzie Deignan stimmt ihr zu: «Es ist eine Ehre, es zu tragen. Es ist, als wäre es nicht wirklich deins, sondern als ob du es nur für ein Jahr ausgeliehen hättest, und das hat mir gefallen.» Das Regenbogentrikot ist vor allem ein Zeugnis, das die Weltmeister untereinander weitergeben, ein Stück Geschichte – wie eine Reliquie, die man erbt und die man ein Jahr lang sorgsam hütet.

Cedric Leroy

Journalist – Chefredakteur der Zeitschrift Le Cycle

Sport als Passion und als Beruf: Cédric Leroy konnte für seine berufliche und persönliche Entwicklung nichts Besseres finden. Nach vielen Jahren im Profi-Radsport vergnügte er sich im Bergsport mit Snowsurf, Freestyler, Wind und den Titeln des Sportmagazins Editions Nivéales, bevor er zu seiner ersten Liebe zurückkehrte und Redakteur, später Chefredakteur der Zeitschrift Le Cycle (Verlag Larivière) wurde. Er berichtet über Jedermannrennen, die Tour de France und die Klassiker. Vor allem fährt er selbst auf der Straße als auch Gravel für technische Tests und Prüfungen und entdeckt dabei die Pässe in Frankreich und anderen Ländern.
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